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Sensation in Wangersen (letzter Teil)
von Udo Nielsen
Am Tag der Arbeit
Das war ja eigentlich schon die Sensation schlechthin, dass wir den Tabellenführer der Kreisliga ASC Cranz Estebrügge, völlig überraschend im Halbfinale aus dem Pokal geschmissen hatten (2:2 / 7:6 n.E.). Wir waren im Endspiel. Mehr ging ja fast schon gar nicht. Der Underdog aus Buxtehude sollte am 1. Mai 2008 in Wangersen zum Hauptspiel der Pokalfinals antreten. Exakt 40 Tage waren es noch bis dahin. Fünf Wochen, bei denen wir uns erst einmal um die Meisterschaft kümmern mussten. Wir waren ja schließlich Tabellenführer und wollten diesen Platz auch nicht mehr abgeben. Bevor in den Lokalblättern über den Erfolg im Halbfinale berichtet werden konnte, hatten wir nur zwei Tage später ein Nachholspiel beim FC Oste III zu bestreiten. Ganz souverän gewannen wir dort mit 5:1. Nach diesem tollen Erlebnis, war das nicht selbstverständlich. Vor dem grössten Tag in der Verbands – und Vereinsgeschichte sollten aber noch fünf weitere Begegnungen folgen. Die mussten natürlich anständig abgearbeitet werden. Das war im Prinzip auch so. 6:1, 4:2, 2:0, und noch einmal 4:2 – so lauteten die Ergebnisse für uns gegen Freiburg II, Noki, Wiepenkathen II und Harsefeld III. Doch ausgerechnet eine Woche vor dem Spiel der Spiele versagten unseren Kickern die Nerven. Auf eigenem Platz wurden wir vom Namensvetter PSV aus Stade mit 2:0 besiegt. Keine guten Voraussetzungen.
Die Woche vor dem Finale war aufregend für alle. Wir mussten nun dafür sorgen, dass das nicht in negativen Stress überging. Wir trainierten normal, ohne zusätzliche Einheiten. Taktik stand im Vordergrund. Wie schon gegen den ASC, wollten wir unser eigenes Tor möglichst lange sauber halten. Dazu verfeinerten wir unter anderem das Stellungsspiel. Ein Teil der Mannschaft begleitete mich noch zu einem Heimspiel unseres Endspielgegners TuS Güldenstern Stade II, um zu sehen wie die Stader ticken. Ein alter Bekannter war dort Trainer. Manfred "Manni" Drechsel, ein Urgestein des Fussballs, betreute zu diesem Zeitpunkt den Kreisligisten. Ein paar Erkenntnisse konnten wir schon mit nach Hause nehmen, ob diese später ausschlaggebend waren, sei einfach mal dahingestellt. Genau wie der Post SV, gewannen die "Sterne" ihr Halbfinale erst im Elfmeterschiessen gegen den TSV Apensen. Auch in diesem Spiel stand es nach 90 Minuten 2:2 (7:6 n.E.).
Der Donnerstagmorgen brach an, ein kalendarischer Doppelfeiertag. Himmelfahrt und 1. Mai (Vatertag & Tag der Arbeit) auf einen Schlag. Wenn das man nicht etwas zu bedeuten hatte. Als Trainer und sportlicher Leiter hatte ich alles, was ich beeinflussen konnte, bis aufs letzte Detail geplant. Minutiös wurde dieser Tag verfasst. 8.30 Uhr war Treffen zum Frühstück. Jeder, der direkt beteiligt war, bekam einen Ablaufplan mit allen Instruktionen, die ich für wichtig hielt. Sogar die Sitzplätze im Bus wurden skizziert und mit einem Foto der jeweiligen Person versehen. Auch die Tischreservierungen am Morgen im "Herzglut" waren exakt bestimmt. Sie hatten immer das Muster der Aufstellung für den Nachmittag. Eine zehnseitige Präsentation via Leinwand und Videobeamer sollte helfen, die richtigen Koordinaten für diesen Tag einzugeben. 23 Offizielle Postler kamen in einheitlichen und nagelneuen Trainingsanzügen zum Treffpunkt. Nach einem sehr guten Buffet und einer unmissverständlichen Ansage wurde ab 10.30 Uhr Mittagsruhe verordnet. Die Spieler Christian Priepke und Sascha Matern zogen es vor, sich in eine nahe gelegene Kirche zu begeben, um ein positives Schicksal herbeizurufen. Das taten sie auch schon vor dem Halbfinale. Ab 12.45 Uhr setzte sich der gecharterte Bus mit nervösen Spielern und hoffnungsvollen Fans in Bewegung. Vom Buxtehuder Schafmarkt aus chauffierte uns kein geringerer, als der heutige Trainer der Ligamannschaft, Ralf Saul ins 22 Kilometer entfernte Wangersen. Am Ort des Geschehens angekommen, mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass sich eine Zeitverzögerung aufgebaut hatte. Für die Psyche der Spieler war das nicht förderlich. Sie waren sehr angespannt. Um ein wenig dieser Spannung herauszunehmen, beobachteten wir noch einen Teil der vorangegangen Partie.
Es folgte die Kabinenzeit. Extra für dieses Spiel hatte Ralf Mürmann, seines Zeichen Abteilungsleiter des Post SV Buxtehude, dafür gesorgt, das die Mannschaft eine neue Spielkleidung bekam. 18 x ganz in Weiß, 2 x Torhüterausrüstung, das sollte ein würdiger Rahmen sein. Es war der Wunsch des Trainers, dass die Mannschaft in der Farbe der Unschuld aufläuft. Darüber hinaus zog sich auch Trainer Udo Nielsen um. Der Trainingsanzug wurde gegen einen eleganten, grauen Ausgehanzug getauscht. Diesen hatte er nur kurz zuvor, bei einem beruflichen Einsatz in Englang gekauft. Es war ja ein Feiertag und das sollte auch respektvoll gezeigt werden. Das äussere Erscheinungsbild war schon mal in Topform. Nun ging es an die eigentliche Aufgabe. Nach einem formlosen Gruss und "shake hands" mit Manni Drechsel, ging ich mit meinem Tross zu der, für uns vorgesehenen Trainerbank. Gerd Riemer, einer unser Betreuer hatte die Aufgabe, alles noch einmal zu checken. Der andere Betreuer, Lutz Hartmann wurde als Fanleiter eingesetzt, um unsere zahlreichen Supporters - sagen wir mal - zu beobachten. Und mein damaliger Assistent Frank Klask gab letzte Instruktionen an die Reservebank. Beide Mannschaften waren fertig zum Einlaufen. Es dauerte aber noch weitere zwölf Minuten, ehe beide Teams, eingerahmt von den Buxtehuder Chearleadern und angeführt vom Schiedsrichter Erik Jablonski vom SV Ottensen, aufs Feld kamen. Patrick Schuldt brachte als Reservekapitän sein Team an die Mittellinie, übergab einen Wimpel von uns an den Gegner und einen an den Veranstalter. Diese, nicht unbedeutende Geste hatten wir Güldenstern schon mal voraus. Ich hatte einen kleinen Zeitungsausschnitt aus der Tasche gezogen, den ich Tags zuvor in der Rubrik Horoskop gefunden hatte. In genau 23 Worten war darin beschrieben, das Unmögliche möglich zu machen. Mit insgesamt 25 Minuten Verspätung starteten wir in das unglaublichste Abenteuer unseres Fussballlebens.
Von Beginn an hatte der Favorit aus Stade uns im Griff. Einmal mehr zeigte sich, dass Benjamin Saul, der für das Abwehrzentrum zuständig war, was für ein genialer Spieler er ist. Er hielt seine Kollegen auf Trab, koordinierte jede Situation, griff selber ein, wenn mal nix mehr ging und machte das Spiel seines Lebens. Wir waren fast ausschliesslich damit beschäftigt, den Ball von unserem Tor fernzuhalten. Das gelang nicht immer, dennoch verzettelte sich die TuS ein ums andere Mal. Als Andreas Fischer die Stader nach 26 Minuten mit 1:0 in Führung schoss, hatten die 600 Zuschauer schon ihren Pokalsieger fest gemacht. Aber unsere Pyramidentaktik liess sich noch nicht wirklich knacken. So gingen wir "nur" mit 0:1 in die Pause. Auf dem langen Weg von der Trainerbank bis zur Kabine standen etliche Besucher, die mir und meiner Mannschaft Mut zusprachen, frei nach dem Motto: "Da geht noch was, Jungs". Einige Führungsspieler wollten schon nach dem Wechsel die Defensive lockern und mehr riskieren, was ich noch nicht für sinnvoll gehalten hatte. Um aber nicht noch mehr unter Druck zu geraten, wollten wir die wenigen Ansätze von Angriffsfussball auch zu Ende spielen. Nur sechs Minuten nach dem Wechsel kam es zu einer von zwei Möglichkeiten. Nach einem Eckball von Sascha Kijek, erzielte Christian Priepke völlig überraschend das 1:1 per Kopf. Nun hatten wir endlich den Schwachpunkt beim Gegner ausgemacht, den wir vorher schon besprochen hatten. Standards hiess das Zauberwort. Spielerisch konnten wir nur mässig mithalten – wir brauchten unbedingt Freistösse und Eckbälle, um zum Erfolg zu kommen. Nicht nur wir, auch die Zuschauer spürten, dass etwas in der Luft lag. Und für Güldenstern begann die grosse Flatter. Zu überhastet stürmten sie auf unser Tor, ohne Nutzen daraus zu ziehen. Wesentlich effektiver waren wir. Nachdem der eigentliche Kapitän, Bojan Stare eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt wurde, kam bei uns noch einmal Offensivgeist auf. Zunächst setzte sich Mittelstürmer Sascha Matern gegen drei Mann durch und konnte nur durch ein Foul gebremst werden. Den fälligen Freistoss, etwa 20 Meter vorm dem Tor, legte sich der AltStar(e) zurecht und zog den Ball genau in die Mitte des Tores. Güldensterns Keeper konnte diesen Schuss nur nach vorne wegfausten, wo Fabian Freudenthal und Stephan Plackmeyer warteten, um gemeinsam das Leder über die Linie zu bugsieren. Vier Minuten vor dem offiziellen Schlusspfiff hiess es 2:1 für den krassen Aussenseiter. Eine Sensation bahnte sich an. Wütende Attacken des Tabellensiebten der Kreisliga folgten. Zu allem Überfluss liess Schiedsrichter Jablonski acht Minuten nachspielen und das bei zwei Mann weniger. Bojan Stare und Kiti Brunckhorst mussten nach gelb / roter Karte vorzeitig den Platz verlassen. Einen Treffer erzielte die Drechsel Elf dann doch noch, aber der Assistent an der Linie, Uli Mayntz hatte eine Abseitsposition ausgemacht. Zwölf bange Minuten in Unterzahl, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Dann der erlösende Abpfiff – und die Geschichte war geschrieben.
Was sich dann abspielte, kann man sich gar nicht vorstellen. Unglaubliche Szenen der Freude beim Pokalsieger und noch unglaublichere Momente der Enttäuschung beim Verlierer. Die Mannschaft feierte zwei Tage nonstop mit ihren Fans, mussten aber am Sonntag schon wieder zu einem Meisterschaftsspiel nach Hammah. Für dieses Match wollten sich gleich acht Spieler abmelden. Das ging natürlich überhaupt nicht. Auch nach dieser überschwänglichen Euphorie liessen wir keine Verzerrung im laufenden Wettbewerb zu, gewannen dort mit 4:1 und machten zwei Wochen später das Double gegen Immenbeck II mit 5:1 perfekt. Eine geniale Saison, die lange in Erinnerung bleiben würde, ging zu ENDE.
Alles war bis ins Detail durchgeplant. Sogar eine Sitzordnung im Bus gab es. Ganz oben ist ein Ausschnitt aus dem Hamburger Abendblatt. Darunter der Tagesablauf, die erfolgreichste Mannschaft aller Zeiten und zum Schluss auch noch das sensationelle Horoskop vom Trainer, Udo Nielsen, einen Tag vor dem Finale. Unten noch ein Bericht aus dem BT und die legendäre Aufstellung mit drei Pfeilen.
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